Stimmen aus der Wissenschaft

„…. Singen-Bewegen-Sprechen“ zielt auf eine musikalisch basierte ganzheitliche Förderung von Vorschulkindern zur Förderung der Schulfähigkeit. ... Die Integration musikalischer Bildung in den Kindergarten hat große Vorteile für den Kindergarten…. Der pädagogische Vorteil für den Kindergarten liegt auch in den indirekten Wirkungen der Aktivitäten; die Aufmerksamkeit für Musik, Tanz und die ästhetischen Ausdrucksformen insgesamt steigt bei allen Beteiligten (Kindern, Eltern, Erzieherinnen) deutlich. Die Erfahrungen sind mit Blick auf die Förderung der musikalischen, aber auch der allgemeinen Bildung der Kinder insgesamt positiv und vielversprechend.“

Prof. Dr. Eckart Liebau, Institut für Pädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Inhaber des Lehrstuhl für Pädagogik II und des UNESCO-Lehrstuhl für Kulturelle Bildung. Prof. Liebau hat im Auftrag der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg den Modellversuch „Singen-Bewegen-Sprechen unter fachlicher Anleitung im Kindergarten“ wissenschaftlich evaluiert.

„Die Evaluation mit Hilfe der Schulfähigkeits-, Didaktik- und Dokumentationsbögen war Teil der wissenschaftlichen Begleitung von „Singen-Bewegen-Sprachen“. Zwischenzeitlich wurde regelmäßig Eindrücke der Musikschullehrkräfte und ErzieherInnen zum Bildungsmodell eingeholt. In einer Abschlusserhebung wurde zudem der Gesamteindruck der pädagogischen Fachkräfte vom Projekt mittels eines Fragebogens erfasst. Insgesamt war es ein breites Spektrum an qualitativen und quantitativen Verfahren, die bei der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation zur Geltung kamen. … Das Model „Singen-Bewegen-Sprachen“ wurde insgesamt äußert positiv evaluiert, wie die Ergebnisse in diesem Handbuch sowie die Weiterführung im Kindergarten und in der Grundschule auf Landesebene in Baden-Württemberg zeigen.“
„Ein wichtiges Ziel von Singen-Bewegen-Sprechen ist es, die Kinder dahingehend zu unterstützen, dass diese zur Schulfähigkeit gelangen. Die Zahl der „Stolperkinder“ soll möglichst gering gehalten werden. Um herauszufinden, wie sich die Kinder im Laufe des Projektes in konkreten Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessert habe, sollten ErzieherInnen für jedes Kind aus der Modellgrippe den Freiburger Schulfähigkeitsbogen ausfüllen. … Die Daten wurden zu zwei Zeitpunkten (2007 und 2008) erhoben, so dass ein Vergleich der Fähigkeiten vor und nach einer bestimmten Phase von „Singen-Bewegen-Sprechen“ möglich ist. Im Folgenden werden Ergebnisse aus den Schulfähigkeitserhebungen dargestellt. … Die Ergebnisse aus den Schulfähigkeitsbögen zeigen Veränderungen der Kinder in sämtlichen Dimensionen.
Migrationskinder sind nicht nur, aber auch in Deutschland in Bildungsfragen benachteiligt. Dem wollen alle entgegen wirken. Der Kindergarten trägt als Bildungseinrichtung für die ersten sechs Lebensjahre mit die Verantwortung hinsichtlich der Schulfähigkeit. … Eine gezielte Förderung sollte früh ansetzen, damit Kinder bis zum Eintritt in die Schule bereits die bestmöglichen Voraussetzungen mitbringen, um erfolgreich zu sein. Das Bildungsmodell Singen Bewegen Sprechen kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten.“
„Mit dem Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für baden-württembergischen Kindergärten ist für die frühkindliche Bildung der Kinder in Baden-Württemberg die orientierende Basis gegeben, mit „Singen-Bewegen-Spreche“ haben wir ein konkretes, Gemeinwesen bezogene, vernetztes und kooperatives Umsetzungskonzept.“

Dr. Norbert Huppertz, Professor em. fĂĽr Allgemeine Pädagogik, Sozialpädagogik und Elementar­pädagogik an der PH   Freiburg. Prof. Huppertz war unter anderem an der Entwicklung des Orientierungs­plans fĂĽr Bildung und Erziehung in baden-wĂĽrttembergischen Kindergärten und weiteren Kindertages­einrichtungen beteiligt und hat die Implementierung des Orientierungsplans wissenschaftlich begleitet. Im Auftrag des Landesverbandes der Musikschulen hat er zugleich den Modellversuch „Singen-Bewegen-Sprechen unter fachlicher Anleitung im Kindergarten“ wissenschaftlich begleitet und evaluiert und in dem Handbuch Singen – Bewegen – Sprechen Das Bildungsmodell fĂĽr Kinder in Baden-WĂĽrttemberg (2010) den Modellversuch und seine Ergebnisse wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert.

Singen, Bewegen und Sprechen sind die drei elementaren, unmittelbaren menschlichen Ausdrucksformen. Das Projekt SBS beruht auf der Annahme, dass bei Kinder die drei Ausdrucksweisen musikalisch „funktionieren“ nicht im Sinne festgelegter kulturspezifischer Zeichensysteme, sondern elementar.
Die drei genannten Ausdrucksformen werden intensiviert und gefördert unter Nutzung didaktischer Methoden der Elementaren Musikpädagogik und der Rhythmik. Im Gegensatz zu anderen Projekten, die sich auf motorische oder sprachliche Entwicklung konzentrieren, liegt hier ein „ganzheitlicher Ansatz“ vor. … Die Beobachtung, dass der musikalische Ansatz auch die Schulreife von Kindern positiv beeinflusst hat, beeindruckt insbesondere die Politik. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber sie wird sehr deutlich greifbar.
Das Projekt SBS stellt im Gegensatz zu Förderprogrammen, die sich auf einzelne Kompetenzen konzentrieren, ein umfassendes Bildungsangebot dar, das spielerisch emotional und bezogen auf die Ausdruckskraft der Kinder insbesondere über das musikalische ein besonders Potenzial entfaltet.“

Professor Elisabeth Gutjahr ist seit 1987 Professorin fĂĽr Rhythmik und seit 2006 Rektorin der Staatlichen Hochschule fĂĽr Musik Trossingen

Ein in diesem Ausmaß beim Beginn des Modellversuches nicht erwartetes Ergebnis von „Singen-Bewegen-Sprechen“ ist die ungewöhnlich gute Entwicklung im Sprachverhalten und bei der Sprachfähigkeit insbesondere bei den schwächeren Kindern. Hier vermag Musik offensichtlich besonders viel zu bewirken, indem sie zunächst die Sprache, beispielsweise im Lied sowie bei den musikalischen Sprachversen, rhythmisiert, ordnet und kanalisiert. Dies begünstigt den Abbau von Sprachhemmungen, befördert die ungezwungene Artikulation und das freie Sprechen innerhalb der Gruppe und führt dann insgesamt zu einer Erweiterung des Sprachschatzes.“
„… Musik eignet sich hervorragend zum Individualisieren und zur kompensatorischen Arbeit. Dem einzelnen Kind kann im Rahmen der Gruppe auf differenzierte Weise und damit angemessen begegnet werden. Gleichermaßen kann Musik in allen sechs Bildungsfeldern wirksam werden, ohne dass damit auch nur ansatzweise ein Absolutheitsanspruch verbunden zu sein braucht. Im Bildungsfeld 1 (Körper) fördert sie durch eine musikalisch intendierte differenzierte Bewegung in hohem Maße die Entwicklung des Körpergefühls. Bezogen auf das Bildungsfeld 2 (Sinne) schärft sie die Wahrnehmungsfähigkeit in den Bereichen Hören, Sehen, Beobachten und Fühlen als Grundlage für kreatives Handeln. Im Bildungsfeld 3 (Sprache) stärkt sie, neben ihrer sprachbildenden Fähigkeit an sich, die nonverbalen Momente, wie Mimik, Gestik, Sprachmelodie sowie den emotionalen Gehalt von Sprache. Beim Bildungsfeld 4 (Denken) begünstigt sie die Ausbildung von Fantasie und Kreativität als wichtigen Fundamenten und Komponenten für das Denken. Im Bildungsfeld 6 (Gefühl, Mitgefühl) wird sie der Tatsache gerecht, dass jedes Handeln von Emotionen begleitet ist und Empathie erfordert. Emotion und Empathie ist das Schlagwort für Musik schlechthin. Wenn Musik als Sprache der Seele bezeichnet wird, so hat sie hier einen wichtigen Platz. Im Bildungsfeld 7 (Sinn, Werte, Religion) schließlich fördert das gemeinsame Muszieren beispielsweise die Wertschätzung des Gegenübers….. Allerdings kommen und auch dies hat sich sehr deutlich gezeigt, die bildungsfördernden Momente durch eine aktive musikalische Betätigung erst durch die Einbindung einer musikpädagogischen Fachkraft, verbunden mit der Vertiefungsarbeit unter der Woche, umfassend zur Geltung. Insofern sind Tandemlösungen zwischen Musikschullehrkräften und Erzieherinnen eine effiziente und auch ideale Lösung.“
„….Durch Musik können darüber hinaus die Bildungs- und Erziehungsinhalte weitgehend spielerisch vermittelt werden. Indem diese in ein verfremdendes Medium, in eine Art Rollenspiel, eingebunden sind, werden sie der unmittelbaren Realität entzogen und auf eine Art Meta-Ebene transportiert. Dies baut im hohen Maße vorhandene Hemmschwellen ab, so dass die Persönlichkeitsbildung für das einzelne Kind und aus dessen Sicht fast unmerklich und unvoreingenommen geschehen kann.“
„…. Die Bereitschaft etwa, sich den anderen Kindern unvoreingenommen zu öffnen und sich vor und in der Gruppe darzustellen, ist in einem ungewöhnlichen Ausmaß gestiegen. Zurückhaltende Kinder wurden auffallend aktiv, aktive Kinder lernten dagegen verstärkt Rücksicht zu nehmen und verhielten insgesamt disziplinierter. Anfänglich sehr ruhige und eher schüchterne Kinder übernahmen allmählich auffallend oft und gern Führungsaufgaben….“

Auszüge aus dem Abschlussbericht von Dr. Norbert Dietrich zum Modellversuch „Singen-Bewegen-Sprechen unter fachlicher Anleitung im Kindergarten“ der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg. Dr. Dietrich war Projektleiter des Modellversuchs.